Mit spitzer Feder …

Die Waschküche ist in der Schweiz eine Kampfzone. In seinem Buch «Der Waschküchenschlüssel» widmete sich bereits der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher 1983 dem rigorosen System der Waschküchen. Nicht besser sieht es in der Büroküche aus: Aussen hui – hinter der Büroküchentüre pfui – das kennen viele Unternehmen. Geschirr stapelt sich, Teebeutel und Essensreste liegen im Abflusssieb der Spüle, Töpfe und Schüssel werden benutzt und anschliessend nicht vorgespült. Ausserdem bleiben Besteck und Gläser ungewaschen in der Spüle liegen, statt dafür den Besteckkorb zu benutzen, vergammeltes Essen im Kühlschrank, etc. Am Abend ist manche Büroküche vollständig verwahrlost und zum Saustall mutiert.
Mit Büroküchen habe ich in meiner bis jetzt über 30-jährigen Tätigkeit auf diversen Redaktionen meine ganz persönlichen nervenaufreibenden Erfahrungen gemacht. Büroküchen sind der reinste Mikrokosmos, die das menschliche Zusammenleben auf kleinsten Raum abbilden – die Welt in einem Kaffeelöffel. Interessiert an Menschen und ihrem Verhalten in der Gemeinschaft, habe ich in der Teeküche mit stillem Vergnügen meine ganz eigenen psychologischen Studien betrieben. Dies ganz nach dem Motto «sag mir, wo du deine benutzte Tasse hinstellst, und ich sage dir, wer du bist». Nicht umsonst heisst es im Volksmund «Schützstein-Psychologie». Und sie trifft oftmals «den Pudels Kern». Dabei bringen einige Menschen Seiten hervor, die man – da zum Teil rücksichtlos und faul – eigentlich niemandem bei der Arbeit zurechnen möchte.
Diese Typen trifft man praktisch in jeder Büroküche: Der Ignorant kümmert sich wenig, kocht Kaffee, lächelt zufrieden. Der Pedant räumt akribisch auf, meckert über Kleinigkeiten und Grenzen. Der Resignierte hält sich an Regeln, beteiligt sich aber ungern an Debatten. Der Geniesser benutzt viele Geschirrteile, wäscht alles selbst und geniesst das Essen. Der Kommunikative lehnt sich an die Theke, redet unaufhörlich und erzählt private Details. Der Egomane grapscht im Obstkorb mit seinen Fettfingern jede Weintraube an, um eine zu finden, die noch knackig ist, tut aber so, als ob nichts wäre. Der Unkonventionelle liebt schräge Fertigprodukte und nutzt Tassen als Teelichthalter. Der Totalverweigerer meidet Küche und Smalltalk und trinkt externen Tee in eigene Tasse. Der Unverzichtbare ist derjenige, der Spülmaschine, Müll, Kühlschrank etc. zuverlässig managt – der gute Engel, der unverzichtbar für den Büro-Küchenfrieden ist.
Doch wie lassen sich diese Missstände und die Nachlässigkeiten der Kolleginnen und Kollegen vermeiden? Es ist ein äusserst schwieriges Unterfangen und ich beisse mir fast die Zähne daran aus. Übrigens – ich schreibe nicht über diese Zeitungsredaktion. In der Praxis halten sich die meisten Mitarbeitenden aus Anstand an die bürointernen Regeln – es ist nach wie vor eine hartnäckige Minderheit, die die Teeküche im Chaos versinken lässt. Ich habe es mit Empathie, Klarheit und Offenheit versucht: Ein charmanter Versuch war, per Aushang am Kühlschrank um mehr Rücksichtnahme und Hygiene zu bitten. Hat gar nichts geholfen! Der Kühlschrank war für ein paar Tage sauber, bis er dann wieder «zu leben» begann, ebenso die nass abgewischten Tische – sie glänzten kurz, bis man dann wieder an der Tischplatte kleben blieb. Fazit: Kolleginnen und Kollegen im Büro zu verändern oder gar zu erziehen funktioniert nicht, weil die Gen Z bei Lernprozessen weniger flexibel ist und bei einigen Personen über 30 Jahren treten Lernbarrieren auf, die Professionalität oder Weiterbildung behindern.
Also was tun? Strafkasse einführen, Kamera aufbauen oder Küchendienst verhängen? Ich stehe nicht als Nanny für Erwachsene zur Verfügung und biete keine Unterstützungsleistung in der Erwachsenenbetreuung an. Geboren aus dem Motto «Einer für alle und alle für einen» habe ich gelernt, Ordnung zu halten, damit die Gemeinschaft funktioniert. Seit 50 Jahren meistere ich mein Inneres Committee, die E-Mail-Schlacht, die Küche, den Hausputz und die Weltrettung – alles im Buddy-System. Deshalb ganz einfach: Wer mitzieht, bekommt Anleitung – wer nur mitschwimmt, muss sich selbst behelfen.
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin



